LEITBILD UND AKTUELLES

Prof. Michael Schmidt-Degenhard – ein Nachruf

Schmidt-Degenhard

Prof. Michael Schmidt-Degenhard, langjähriger Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg, ist am 27.11.2020 in Hildesheim verstorben. Mit ihm verliert die phänomenologisch-anthropologische Psychiatrie einen herausragenden Vertreter, der sich besonders um die Erforschung der Melancholie ebenso wie der imaginativen Wahnbildungen bleibende Verdienste erworben hat.

Michael Schmidt-Degenhard (geb. 7.7.1953) studierte Medizin in Hannover und Göttingen, wo er seine Dissertation zur Geschichte des Melancholie-Begriffs verfasste. Sie erschien 1983 unter dem Titel „Zur Problemgeschichte der depressiven Erkrankungen seit Beginn des 19. Jahrhunderts“ im Kohlhammer-Verlag, Stuttgart. Von 1986 bis 1998 war Schmidt-Degenhard Oberarzt an der Psychiatrischen Universitätsklinik Heidelberg. 1992 habilitierte er sich dort mit einer Arbeit über „Die oneiroide Erlebnisform“, die im gleichen Jahr im Springer-Verlag erschien. Darin untersuchte er erstmals umfassend die Phänomenologie traumhaft-halluzinatorischer Erleb­nissequenzen im Verlauf von Guillain-Barré-Syndromen und anderen mit anhaltender Be­wusstseinsstörung verbundenen organischen Psychosen. Er interpretierte diese Oneiroide als einen dem Reichtum der Imagination entspringenden Bewältigungsversuch von Extremsitua­tionen.

Seit 1998 war Schmidt-Degenhard Ärztlicher Direktor der Nervenklinik Schwerin, seit 2003 Chefarzt der Klinik für Psychiatrie und Psychotherapie am Florence-Nightingale-Kranken­haus der Kaiserswerther Diakonie in Düsseldorf. Der Heidelberger Klinik blieb er durch ein über 25 Jahre hinweg geleitetes Seminar zur Suizidologie verbunden. Bis zuletzt trat Schmidt-Degenhard in seiner For­schung ebenso wie in seiner psychiatrischen Praxis vor allem für das phäno­menologische Verstehen von Menschen in Psychosen ein; philosophische, literatur- und kulturwissenschaftliche Zugänge seien dafür unerlässlich. 2014 erhielt er für sein Le­benswerk den Preis der Margrit-Egnér-Stiftung (Zürich). Die Deutsche Gesellschaft für phä­no­menologische Anthro­pologie, Psychiatrie und Psychotherapie (DGAP) wird ihm ein bleiben­des Anden­ken bewahren.

Thomas Fuchs, Heidelberg

 

Wichtige Bücher und Aufsätze:

Melancholie und Depression: zur Problemgeschichte der depressiven Erkrankungen seit Be­ginn des 19. Jahrhunderts. Kohlhammer, Stuttgart 1983.

Zur Standortbestimmung einer anthropologischen Psychiatrie. Fortschritte der Neurologie· Psychiatrie 65 (1997), 473-480.

Anthropologische Aspekte psychiatrischer Erkrankungen. In: Möller, H.  J., Laux, G., Kapf­hammer, H. P. (Hrsg,) Psychiatrie und Psychotherapie (pp. 269-280). Springer, Berlin, Hei­del­berg 2003.

Die oneiroide Eerlebnisform: Zur Problemgeschichte und Psychopathologie des Erlebens fik­tiver Wirklichkeiten. Springer, Berlin Heidelberg 2013.

Im Gedenken an Hermann Lang (1938-2019)

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Die „Deutsche Gesellschaft für phänomenologische Anthropologie, Psychiatrie und Psychotherapie” (DGPA) trauert um ihren Ehrenvorsitzenden Hermann Lang. Er war Gründungsmitglied der von Prof. Dieter Wyss 1983 gegründeten Gesellschaft, lange Jahre ihr erster Vorsitzender und hat sie mit seinem Wirken und seiner Persönlichkeit bis heute entscheidend geprägt. Davon zeugen nicht zuletzt die zahlreichen Bände, die von ihm nach von der Gesellschaft veranstal­teten  Kongressen herausgegeben wurden. Auch als die Gesellschaft 2013 nach Heidelberg verlegt wurde, blieb Hermann Lang ihr Ehrenvorsitzender. Zwischen Heidelberg und Würzburg bestand und besteht bis heute ein reger Austausch, wie wir zuletzt an der gemeinsamen Würzburger Konferenz über „Angst und Zwang“ zu Hermanns Langs 80. Geburtstag 2018 erfahren konnten. Die phäno­menologisch orientierte Psychotherapie und Psychiatrie verliert mit ihm einen ihrer großen, im klassischen anthropologischen Denken verwurzelten Vertreter. Wir wer­den ihm ein ehrendes Andenken bewahren und den Geist seiner Arbeit weiter­tragen.

Prof. Dr. Dr. Thomas Fuchs

Vorsitzender der DGAP

Ziele der Gesellschaft
Die DGAP sieht sich in der Tradition von Philosophen wie Husserl, Heidegger, Sartre, Merleau-Ponty und von Psychiatern/Psychotherapeuten wie Jaspers, Minkowski, Binswanger, von Gebsattel, Straus, Tellenbach, Wyss oder Blankenburg. Ihr Anliegen ist es, phänomenologische Ansätze in Psychiatrie, Psychologie und Psychotherapie zu fördern und weiterzuentwickeln.

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Geschichtliches
Die Gesellschaft geht zurück auf die 1983 von Prof. Wilhelm Josef Revers, Prof. Hubertus Tellenbach und Prof. Dieter Wyss gegründete “Deutsche Gesellschaft für anthropologische und dasseinsanalytische Medizin, Psychologie und Psychotherapie ” (DGA). Ihr Sitz war bis 2012 in Würzburg; Vorsitzende waren zunächst Prof. Wyss, dann Prof. Hermann Lang und ist heute Heidelberg mit  Prof. Thomas Fuchs als Vorsitzendem.
2013 wurde die Gesellschaft unter ihrem jetzigen Namen als DGAP neu gegründet und verlegte ihren Sitz nach Heidelberg, wo sie nun organisatorisch der Sektion “Phänomenolgische Psychopathologie” (Leitung Prof. Fuchs) an der Psychiatrischen Universitätsklinik zugeordnet ist.

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Grundlagen
Die Phänomenologie kann als die Grundlagenwissenschaft der subjektiven Erfahrung angesehen werden. Sie untersucht ihre zentralen Strukturen, insbesondere Intentionalität, Leiblichkeit, Zeitlichkeit und Intersubjektivität, um so zu Erkenntnissen über die Grundformen menschlichen Erlebens in Gesundheit und Krankheit zu gelangen. Über die Subjekt-/Objekt-Trennung hinausgehend, gilt ihre Aufmerksamkeit dabei dem unauflöslichen Zusammenhang von Subjektivität und Welterfahrung. Für die Psychiatrie bedeutet dies, dass psychisches Kranksein weder als ein rein objektives, im Gehirn lokalisierbares Geschehen angesehen noch einem verborgenen „Innenraum“ des Psychischen zugeschrieben wird. Vielmehr zeigt sich psychische Krankheit im Erleben ebenso wie im leiblichen Erscheinen und Verhalten, in der Zeitlichkeit des Lebensvollzugs, in den Beziehungen zu den anderen, kurz: im gesamten In-der-Welt-Sein des Kranken.

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Aufgaben
Zur Förderung ihrer Ziele führt die Gesellschaft unter anderem regelmäßige Kongresse durch, gibt eine phänomenologische Schriftenreihe heraus und bietet über einen Verteiler und Newsletter ein Forum für Kontakte und Kooperationen ihrer Mitglieder. Die DGAP ist offen für alle Interessierten aus den Gebieten der Psychiatrie, Psychologie, Psychotherapie, Philosophie und verwandter Fächer, denen es darum geht, die philosophischen Grundlagen ihrer Tätigkeit zu reflektieren und mit anderen darüber in Austausch zu treten.